Welcher Beruf passt zu mir? Wie dir die IKIGAI-Methode dabei hilft

Von Andreas Chrascina, Jobcoach bei digi.camp · Zuletzt aktualisiert: 17. September 2026 · Lesezeit etwa 8 Minuten

Wovor hast du mehr Angst: deinen Job zu verlieren, oder weitere zehn Jahre in einem Job zu verbringen, der dich nicht erfüllt?

Die zweite stellt sich seltener laut und treibt trotzdem die meisten in eine Beratung. Der häufigste Grund für berufliche Unzufriedenheit ist nicht fehlendes Talent, sondern fehlende Klarheit.

Viele landen bei der IKIGAI-Grafik, machen die Übung und stehen danach genauso ratlos da. Das liegt nicht an ihnen, sondern daran, dass die Grafik etwas anderes ist, als alle denken.

Welcher Beruf passt zu mir?

Diese Frage hat selten eine einzige Antwort. Hilfreicher als ein Berufstitel ist eine Richtung: Was du gern tust, was du gut kannst, wofür es Bedarf gibt und womit du deinen Lebensunterhalt verdienst. Wo diese vier zusammenkommen, wird die Entscheidung konkret. Fehlt einer, merkst du es an einem bestimmten Unbehagen.

Es geht nicht um den perfekten Job, es geht um die Richtung.

Was ist die IKIGAI-Methode?

IKIGAI ist japanisch und setzt sich aus IKI für Leben und GAI für Wert zusammen, frei übersetzt der Grund, morgens aufzustehen. In Japan ist das eine Lebenshaltung, die sich auf Freude im Alltag bezieht. Was im Westen als IKIGAI-Methode kursiert, ist etwas anderes: ein Werkzeug zur Berufsorientierung mit vier Kreisen.

Beides trägt denselben Namen und meint nicht dasselbe. Das ist der Grund, warum die Übung so oft enttäuscht.

Warum die berühmte Vier-Kreise-Grafik nicht aus Japan kommt

Die vier Kreise stammen vom spanischen Astrologen Andrés Zuzunaga, der sie unter dem Wort Propósito veröffentlichte, spanisch für Zweck. Der Blogger Marc Winn ersetzte 2014 das Wort in der Mitte durch IKIGAI. Danach verbreitete sich die Grafik weltweit. Mit der japanischen Lebensphilosophie hat sie ursprünglich nichts zu tun.

Was duliebst Worin dugut bist Was die Weltbraucht Wofür dubezahlt wirst Passion Mission Beruf Berufung IKIGAI
Die Grafik, die alle kennen. Ihre vier Schnittmengen heißen Passion, Mission, Beruf und Berufung.

Winn kannte den Begriff aus der Blue-Zones-Literatur, den Regionen mit hoher Lebenserwartung, zu denen Okinawa gehört. Er legte zwei Dinge übereinander, die nicht zusammengehörten, und traf einen Nerv. Zuzunaga hat inzwischen erklärt, dass sein Diagramm von der Astrologie inspiriert war und als japanisches Konzept missverstanden wird.

Das entwertet die Grafik nicht. Als Werkzeug funktioniert sie gut, weil sie vier Fragen sortiert, die man sonst durcheinander denkt. Man sollte nur wissen, was man benutzt: ein westliches Workshop-Werkzeug, keine fernöstliche Weisheit.

Was sind die fünf Säulen nach Ken Mogi?

Der Neurowissenschaftler Ken Mogi beschreibt IKIGAI über fünf Säulen: klein anfangen, sich selbst loslassen, Harmonie und Nachhaltigkeit, die Freude an kleinen Dingen und im Hier und Jetzt sein. Keine davon handelt von Karriere. Sie beschreiben eine Haltung im Alltag, und genau darin liegt der Unterschied zum westlichen Modell.

Für die Berufswahl ist vor allem eine Säule brauchbar: klein anfangen, statt die große Entscheidung zu erzwingen.

Woran merke ich, welcher der vier Bereiche mir fehlt?

An dem Gefühl, das bleibt. Fehlt die Bezahlung, hast du Erfüllung und Geldsorgen. Fehlt der Bedarf, fühlt sich deine Arbeit nutzlos an. Fehlen die Fähigkeiten, bist du begeistert und dauernd überfordert. Fehlt die Leidenschaft, ist alles sicher und innerlich leer. Das Gefühl zeigt dir, woran du arbeiten musst.

Mann sitzt an seinem Schreibtisch, den Kopf gesenkt, und denkt nach
Sicher, bezahlt und trotzdem leer: so fühlt es sich an, wenn die Leidenschaft fehlt.

Das ist der praktischste Teil des Modells. Frag dich nicht, was dein IKIGAI ist, sondern welcher Kreis bei dir gerade dünn ist:

Was fehltWoran du es merkstWas dann ansteht
BezahlungDie Arbeit erfüllt dich, das Geld reicht nichtPrüfen, wofür am Markt tatsächlich gezahlt wird
BedarfEs läuft, aber es fühlt sich sinnlos anSuchen, wessen Problem du wirklich löst
FähigkeitenBegeisterung, dazu ständige ÜberforderungGezielt eine Lücke schließen, nicht alles auf einmal
LeidenschaftSicher, bequem und innerlich leerHerausfinden, wobei du die Zeit vergisst

Wer ohne Arbeit ist, hat oft zwei Kreise gleichzeitig offen. Das fühlt sich wie ein großes Problem an, sind aber zwei, die man nacheinander angeht.

Illustration: Gegenstände zur Orientierung, Karte und Kompass
Vier Kreise sortieren, was man sonst durcheinander denkt. Mehr leisten sie nicht, und das ist schon viel.

Welche Fragen bringen mich weiter?

Zu jedem Bereich gibt es Fragen, die man sich schriftlich stellen sollte, nicht im Kopf. Drei, die im Coaching am zuverlässigsten etwas auslösen:

  • Bei welchen Tätigkeiten vergisst du die Zeit? Nicht was dir Spaß macht, sondern wobei du aufschaust und zwei Stunden sind weg.
  • Was fällt dir leicht, was anderen schwer fällt? Und wofür wirst du von anderen um Rat gefragt? Das ist oft ein Talent, das du selbst für selbstverständlich hältst.
  • Wem möchtest du mit deiner Arbeit am liebsten helfen? Die Antwort grenzt Branchen schneller ein als jede Stellenrecherche.

Schreib auf, was kommt, ohne es zu bewerten.

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Was ist der Unterschied zwischen Beruf, Berufung, Mission und Passion?

Im Vier-Kreise-Modell sind das vier Schnittmengen. Passion ist, was du liebst und gut kannst. Mission ist, was du liebst und was gebraucht wird. Berufung ist, was gebraucht wird und wofür du bezahlt wirst. Beruf ist, was du kannst und wofür du bezahlt wirst. IKIGAI liegt dort, wo alle vier zusammenfallen.

Die Begriffe werden durcheinandergeworfen, und das erzeugt unnötigen Druck. Für die nächste Bewerbung reicht meistens der Beruf.

Wann komme ich allein nicht weiter?

Journaling und Ausprobieren im Kleinen bringen dich ein gutes Stück. Eine Sache kannst du allein nicht leisten, und sie ist hier die wichtigste: die Sicht von außen.

In jedem Workshop passiert dasselbe: Menschen nennen sich gegenseitig Stärken, die die andere nie aufgeschrieben hätte. Genau darin liegt meistens das Talent.

Gibt es zur IKIGAI-Methode einen Workshop?

Ja. Im digitalen Workspace von digi.camp laufen wöchentlich Workshops, darunter der zur beruflichen Orientierung mit der IKIGAI-Methode, geleitet von Andreas Chrascina. Du kannst ab dem ersten Tag teilnehmen, und der Zugang bleibt dir auch nach dem Coaching, ohne Zeitlimit und ohne Zusatzkosten.

Blick aus einem Zelt auf Berge bei Sonnenaufgang, eine Person sitzt im Gegenlicht
Ein Lager ist kein Ziel, sondern ein Ort zum Weiterdenken. Genau dafür ist der Workspace da.

Das ist der Teil, den du dir selbst nicht geben kannst. Und weil der Zugang nicht mit der Maßnahme endet, kannst du wiederkommen, wenn sich deine Frage in einem Jahr anders stellt. Wie der Workspace aufgebaut ist, steht auf der Seite dazu. Kein anderer AVGS-Anbieter legt das mit ins Coaching.

Wer zahlt eine Berufsorientierung?

In der Regel die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter über einen Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein, kurz AVGS. Damit ist ein Coaching zur beruflichen Orientierung bei einem AZAV-zugelassenen Träger für dich kostenlos. Die Maßnahme ist eine Ermessensleistung: Entscheiden tut deine Vermittlungsfachkraft, einen automatischen Anspruch gibt es nicht.

Die Rechtsgrundlage ist § 45 SGB III, die Agentur für Arbeit erklärt den Gutschein hier. Du sprichst deine Vermittlungsfachkraft darauf an und wählst einen zugelassenen Träger. Die Schritte haben wir aufgeschrieben: AVGS beantragen und AVGS einlösen.

Berufliche Neuorientierung ist eine der Situationen, die wir coachen. Welche Coachings der Gutschein abdeckt, steht in Welche Coachings sind mit dem AVGS-Gutschein möglich, und was er grundsätzlich ist, auf unserer Seite zum AVGS-Gutschein. Für zwei Situationen, in denen sich diese Frage besonders oft stellt, gibt es eigene Texte: Berufsfindungscoaching über 50 und ADHS und Arbeit.

Wenn die Richtung steht und es an die Unterlagen geht, ist das AVGS Bewerbungscoaching der nächste Schritt. Wie sich Orientierung und Bewerbung in einer Maßnahme verbinden lassen, steht in Bewerbungstraining und Karriereberatung kombinieren.

Das Coaching läuft als Einzelcoaching deutschlandweit online, an vielen Standorten zusätzlich in Präsenz. Du siehst vorher die Profile und suchst dir deine Coach:in selbst aus. Wie andere das erlebt haben, steht in den Erfahrungsberichten.

Häufige Fragen

Ist die IKIGAI-Grafik mit den vier Kreisen japanisch?+

Nein. Sie stammt vom spanischen Astrologen Andrés Zuzunaga und hieß ursprünglich Propósito. Der Blogger Marc Winn setzte 2014 das Wort IKIGAI in die Mitte, danach verbreitete sie sich weltweit. Als Werkzeug zur Berufsorientierung taugt sie trotzdem, sie ist nur keine japanische Philosophie.

Was bedeutet IKIGAI wörtlich?+

IKI steht für Leben, GAI für Wert. Zusammen ergibt das sinngemäß den Grund, morgens aufzustehen. In Japan bezeichnet es eine Lebenshaltung, die sich oft auf kleine alltägliche Dinge bezieht, und nicht auf beruflichen Erfolg.

Bringt mir ein Berufstest die Antwort?+

Ein Test kann Vorschläge liefern und den Blick weiten. Eine Entscheidung nimmt er dir nicht ab, weil er deine Lebensumstände nicht kennt: Region, Familie, Gesundheit, Finanzen. Nutze das Ergebnis als Anfang eines Gesprächs, nicht als Urteil.

Wie lange dauert es, bis ich Klarheit habe?+

Das lässt sich nicht seriös versprechen. Was hilft, ist ein kleiner Anfang statt der großen Entscheidung: fünfzehn Minuten Reflexion heute, ein Gespräch mit jemandem diese Woche, ein kleines Projekt in diesem Monat. Klarheit entsteht unterwegs, nicht vorher.

Was ist der Unterschied zwischen Berufung und Beruf?+

Im Vier-Kreise-Modell ist Beruf das, was du kannst und wofür du bezahlt wirst. Berufung ist das, was gebraucht wird und wofür du bezahlt wirst. Der Unterschied liegt also darin, ob deine Fähigkeiten oder der Bedarf der Ausgangspunkt sind.

Bekomme ich für eine berufliche Neuorientierung einen AVGS?+

Möglich ist es, automatisch ist es nicht. Berufliche Orientierung ist eine der Maßnahmen, die nach § 45 SGB III gefördert werden können. Die Entscheidung trifft deine Vermittlungsfachkraft. Sprich sie konkret darauf an und nenne, woran du im Coaching arbeiten willst.

Andreas Chrascina, Jobcoach bei digi.camp

Über den Autor

Andreas Chrascina

Jobcoaching und Gründungscoaching bei digi.camp · online deutschlandweit

Mehr als zehn Jahre Erfahrung als Jobcoach und Jugendcoach. Er hält bei digi.camp den Workshop zur beruflichen Orientierung mit der IKIGAI-Methode. Seine Schwerpunkte sind berufliche Neuorientierung, Neupositionierung und die Frage, wie sich Umwege im Lebenslauf als Stärke nutzen lassen. Ausgebildeter Coach, psychologischer Berater und systemischer Berater.

Coacht auf Deutsch, Englisch, Polnisch, Spanisch und Portugiesisch.

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Quellen: Ken Mogi, Awakening Your Ikigai, 2017 (die fünf Säulen) · Andrés Zuzunaga zur Herkunft des Diagramms, Interview bei ikigaitribe.com · Marc Winn zur Entstehung 2014 (marcwinn.com) · Übersicht zu Mythen und Definitionen bei sloww.co · Bundesagentur für Arbeit, Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein (arbeitsagentur.de) · § 45 SGB III (gesetze-im-internet.de). Stand: 17. September 2026.

Bildnachweis: Fotos im Artikel von Freepik.